Ruin landscape at the Save river banks. (Photo: Nils Bröer)

Belgrade Waterfront

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- Photo: Nils Bröer - 2016

Sava Mala is like Berlin in the 90s. But the alternative artist's neighborhood is in danger. For the first time in Serbia’s history, artists, musicians and painters face a problem, that is already common in Western Europe: Gentrification.

Der Subkultur droht die Abrissbirne

Das Künstlerquartier Savamala in Belgrad ist das Party-Epizentrum Südosteuropas. Touristen kommen zum Feiern, Flüchtlinge finden hier eine Anlaufstelle. Doch ein Grossprojekt bedroht die Subkultur. Manchmal fahren ohne Vorwarnung Bagger auf und machen Häuser platt.

Um 23.00 Uhr bilden sich vor den Clubs in der Braće-Krsmanović-Strasse die ersten kleinen Schlangen. Die Wände sind mit Street-Art vollgesprayt, ein Atelier reiht sich ans nächste und mit jedem zweiten Schritt stolpert der Besucher in eine neue Welt.

Auf den Strassen erklingt ein babylonisches Sprachengewirr. Neben Einheimischen und Touristen finden sich vereinzelt auch Flüchtlinge aus Syrien, Pakistan und Afghanistan. Im Laufe der Nacht verschmelzen die verschiedenen Sprachen zu einem universellen Verständnis dessen, was diesen Stadtteil ausmacht. Wer Savamala nicht besucht hat, war nicht in Belgrad.

«Wenn ich meine Augen schliesse, sehe ich besser», sagt der gelernte Florist Nemanja Vorkapić und führt durch seine Ausstellung im Nachtclub Ben Akiba. Er verwendet für seine Installation nur natürliche Materialien. Viele Pflanzen und kleine Bäume, die zu einem Moment der Ruhe einladen. Fast wie in einem kleinen Wald. Wer eine Pause von der Tanzfläche braucht, kann sich in dem dunklen Raum aufs Bett legen und entspannen.

Sobald man die Ruhezone verlässt, regiert wieder der Technobass. An den Wänden hängen riesige Pop-Art Zeichnungen, die Frauen beim Masturbieren zeigen. Wer in der Bar im unteren Stock sitzt, hört die Züge, die nur einen halben Meter vor den Fenstern des Clubs vorbeibrettern, und sieht seinen Drink im Glas im von den Eisenrädern vorgegebenen Takt zittern.

Keine touristische Komfortzone

Der Konzeptkünstler Uroš Đurić feiert mit Kollegen im oberen Stock, sie tanzen zur Musik einer Coverband um Branislav Petrović, Spitzname Banane. Dass dieser einer der bekanntesten jugoslawischen Wave-Gitarristen ist, der sonst bei «Električni Orgazam» spielt, wissen die vielen ausländischen Besucher nicht. Sie spüren aber instinktiv, dass sie einem besonderen Auftritt beiwohnen.

Künstler aus Deutschland vergleichen Belgrad mit dem Berlin der 1990er-Jahre. Doch Uroš Đurić winkt ab: «Ich habe in den Achtzigern in Berlin und Belgrad gewohnt. Zu dieser Zeit waren die beiden Städte sehr ähnlich.» Dann habe sich Belgrad verändert: «In den Neunzigern litten wir dann unter den Sanktionen. Zu dieser Zeit haben wir unsere eigene Welt erschaffen.» Diese Welt existiert in Savamala bis heute.

In Berlin-Friedrichshain pumpen sich die EasyJet-Touristen mit Amphetaminen voll und feiern am Kanalufer durch. Im Prager Stadtteil Žižkov besaufen sie sich in den zahlreichen Bars und kotzen die tschechischen Klos voll. In Savamala gibt es kein Standardprogramm, keine touristische Komfortzone, in die man sich zurückziehen kann. Dafür aber Denkmäler des letzten russischen Zaren, zeitgenössische Kunst und originelle Clubs.

Rückzugsraum für die kreative Szene

Belgrad liegt in der Umarmung zweier Flüsse, zwischen Donau und Save. Im Sommer findet das Leben am Wasser statt – an den Ufern und auf den zahlreichen Splavs, den Partyschiffen. Direkt an der Save, unweit des historischen Zentrums, liegt der Stadtteil Savamala – die kleine Save.

Hinter einer unscheinbaren Tür neben dem Busbahnhof Zeleni Venac betritt der Besucher abermals eine neue Welt. Im ersten Stock ein Raum mit getäfelten Wänden, Gemälden aus dem 19. Jahrhundert und afrikanischer Schnitzkunst, wie aus dem Paris der Belle Époque. Der Gastgeber Aleksandar Gligorijević macht dieses Gefühl schnell wieder zunichte: «Das meiste kommt vom Flohmarkt; es macht aber trotzdem mächtig was her, oder?» Hier schmeisst Aleksandar Partys für Designer, Models, Künstler und Musiker. Er bietet der kreativen Szene der Stadt einen Rückzugsraum.

Der Name Gligorijević steht für eine alte wohlhabende Belgrader Familie. Vater Ilija hat die Kunstszene in Savamala mitbegründet. Nach seinem Tod führt nun der Sohn Aleksandar diese Arbeit fort. Seine Frau Valentina ist Modedesignerin und hilft ihm dabei. Sie ist auch mitverantwortlich für das Interieur des «Ben Akiba».

Schwierige Bedingungen für zeitgenössische Kunst

Im zweiten Stock von Gligorijevićs Haus befindet sich das Atelier, das durch seinen industriellen Stil auffällt. Man sitzt auf Stühlen aus Flugzeugschrott, während man sich im Licht von Lampen aus Flugzeugschrott Skulpturen aus Flugzeugschrott anschaut. In seinem Keller lagert Gligorijević noch 15 Tonnen davon, um sie zu Designermöbeln und Skulpturen, zu Kunst und Gebrauchsgegenständen zu verarbeiten. Air Serbia sponsert ihn mit den Materialien. Sedimentierung nennt Gligorijević seine Methode.

Er zeigt auf eine der Lampen: «Keith Flint von The Prodigy wollte sie kaufen.» Die beiden kennen sich, weil Gligorijević die Bühnenshow für die Band in Belgrad gemacht hat. «The Prodigy ist Industrial und ich mache auch Industrial, das hat also sehr gut zusammengepasst», sagt er. Die Lampe hat er Flint aber nicht verkauft: «Ich wollte sie unbedingt behalten, aber auch nicht unhöflich sein, da habe ich einfach einen völlig überhöhten Preis genannt.»

Dabei finden zeitgenössische Künstler wie Gligorijević in Serbien kaum einen Markt, weil die Kunstsammler eher an serbisch-orthodoxen Heiligenbildern interessiert sind. «Das Verständnis für zeitgenössische Kunst ist in Serbien nicht besonders ausgeprägt», sagt Gligorijević. «Wenn ich meine Kunst ausstelle oder zu verkaufen versuche, dann halten mich manche für einen Kriminellen. Die denken, ich möchte ihnen überteuerten Ramsch verkaufen.»

Die meisten seiner Werke verkauft Gligorijević daher im Ausland. Er hat in Kalifornien studiert und dort lange Zeit gelebt, bevor er 2002 nach Belgrad zurückkehrte, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt. Seinen Abschluss machte er in Santa Monica und er sieht sich denn auch als US-amerikanischen Künstler. Er steht radikal zu seinem Werk: «Kunst ist keine demokratische Angelegenheit, weil der Künstler keine Kompromisse macht und seinen ästhetischen Stil konsequent vertritt. Kunst ist aber auch nicht antidemokratisch. Das ist einfach keine Kategorie, die auf Kunst angewendet werden kann. Aber die meisten Menschen verstehen das nicht.»

Die Partys in Aleksandar Gligorijević’ Haus entspringen direkt seinem Verständnis von Kunst: «Ich halte nichts von Revolutionsromantik», sagt er. «Wir können die Welt nicht verändern, sondern höchstens beeinflussen, wie Menschen auf die Welt blicken.» Bei seinen Partys geht es darum, die Kreativen der Stadt zusammenzubringen. Das ist ein essenzieller Bestandteil seiner Arbeit: «Menschen kommen zusammen, das ist der Sinn von Kunst», sagt er.

Die Party endet irgendwann am frühen Morgen, während die ersten Sonnenstrahlen die Altbaufassaden Savamalas erleuchten. Noch kann man gleich um die Ecke einen Absacker trinken gehen. Doch an den Rändern der Gehwege verwandeln sich die Konturen der Nacht wieder in Abrisshäuser und Bagger. Daneben ein grosses Schild auf dem steht: «Wir feiern Belgrad.»

Bewaffnete schützen die Bagger

Hier, inmitten von Savamalas Kulturszene, soll für 3,5 Milliarden Euro das Grossprojekt «Belgrad am Wasser» hochgezogen werden, mit Hilfe von Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 24. April wurden mehrere Häuser in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen. Darunter das Miksalište, seit August Anlaufstelle für über 100’000 Flüchtlinge in Belgrad.

Hier wurde Essen und Kleidung verteilt. Noch am Tag vor dem Abriss haben freiwillige Helfer 70 Kinder versorgt. Und das, obwohl die Balkanroute, so hört man es zumindest in der EU und der Schweiz, geschlossen sein soll.

Ivan Lalić betreibt den Club Mikser unweit des «Ben Akiba». Er gehört zu den Initiatoren des Miksalište und ist schockiert vom Abriss: «Die haben unser Hilfszentrum einfach zerstört, um Platz für ‹Belgrad am Wasser› zu schaffen. Mit ihren Spezialrechten dürfen sie hier machen, was sie wollen.»

Vom bevorstehenden Abriss haben die Betreiber des Miksalište erst am Morgen des 24. April erfahren. Am Abend fuhren bereits schwere Maschinen auf und machten das Flüchtlingszentrum platt. Vermummte und bewaffnete Männer hielten Schaulustige fern. Die herbeigerufene Polizei kam spät und wusste dann auch nicht Bescheid, was genau passierte und wer die Aktion genehmigt hatte.

Lalić sagt: «Es gab auch Menschen, die vor dem Abriss überhaupt nicht informiert wurden. Die kamen abends und haben gesehen, dass ihre Häuser niedergerissen sind.»

Die Modelle für «Belgrad am Wasser» sind geprägt von Shopping-Malls, Wohnungen für Wohlbetuchte und Büros. Für Flüchtlingszentren ist jetzt schon kein Platz mehr da. Auf lange Sicht werden sich auch Clubs und Künstler nach einer neuen Spielwiese umschauen müssen. Bis es so weit ist, wird in Savamala weitergetanzt zum Licht, das aus ausrangiertem Flugzeugschrott strahlt.