Beyond Lampedusa

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- 2013

The french port city of Calais is one of the few hot spots of undocumented migration to Europe, where the numbers of refugees are continuously dropping – as the result of an unprecedented marginalisation campaign. [Text/German]

Published in Zeit Online

Jenseits von Lampedusa

Das nordfranzösische Calais ist einer der wenigen Hot Spots der undokumentierten Migration nach Europa, in denen die Flüchtlingszahlen seit Jahren rückläufig sind – In Folge einer beispiellosen Repressions- und Vertreibungs-Kampagne.

Vor Lampedusa kentert ein Flüchtlingsboot nach dem Anderen. In Hamburg kontrolliert die Polizei derweil wild vermeintliche „Afrikaner“ um die herauszufiltern, die „illegal“ von ebendieser Insel, Lampedusa, nach Deutschland kamen. Vor dem Brandenburger Tor protestieren 29 Asylbewerber im trockenen Hungerstreik… Die Auswüchse der prekären europäischen Einwanderungspolitik manifestieren sich an vielen Orten. Im nordfranzösischen Calais ungewöhnlicherweise durch einen Rückgang der Flüchtlingszahlen.

An der engsten Stelle des Ärmelkanals gelegen, ist Calais seit jeher der Dreh- und Angelpunkt des Personenverkehrs zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. Neben Touristen, Truckern und Geschäftsreisenden zieht diese Lage auch diejenigen an, die keine Einreisegenehmigung bekommen. Tausende sogenannte „illegale Migranten“, Geflüchtete aus aller Herren Länder, haben in den vergangenen Jahren ihr Glück in Calais auf die Probe gestellt. Durch koloniale Vergangenheit, familiäre Bande oder schlicht ihre Sprachkenntnisse mit England verbunden versuchten sie, sich ihre Überfahrt auf oftmals waghalsigen Wegen zu erschleichen. Für viele von ihnen wurden diese letzten 34 Kilometer, ihrer oft jahrelangen Odyssee, zur unüberbrückbaren Hürde. Denn die Seegrenze Calais-Dover, ist wohl der bestbewachte Grenzübergang innerhalb der Europäischen Union. Mit Hunden, Herzschlagdetektoren, LKW-Röntgengeräten und Atemluft-Scannern machen Grenzschützer auf beiden Seiten des Ärmelkanals Jagd auf die blinden Passagiere.

Zum Brennpunkt der undokumentierten Migration in Europa wurde Calais erstmals in den 90er Jahren, als Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslavien in die Hafenstadt strömten. Seitdem ist die Community der sogenannten Transit-Migranten in ständiger Bewegung, sowohl was ihre Größe als auch ihre Zusammensetzung betrifft: Nach den Kosovaren, kamen die Afghanen, dann die Sudanesen, Eritreer, Lybier und Iraner, mittlerweile mehrt sich der Anteil an Menschen aus Zentralafrika und Syrien. Bereits 2002 wurde ein Auffanglager des Roten Kreuzes im benachbarten Sangatte geschlossen. Das Camp, das für 200 Menschen ausgelegt war, musste zeitweise für mehr als 1.800 herhalten. Maßgeblich an der Schließung beteiligt, war die „Tolérance zéro“-Agenda des damaligen französischen Innenministers Nikolas Sarkozy. Zusätzlich kam Druck aus Großbritannien, woraufhin sich London und Paris gütlich einigten: Frankreich schließt die Notunterkunft und, um es mit dem damaligen Innenminister David Blunkett zu sagen, „Britannien wird aufhören, so attraktiv zu sein“. Was folgte war eine Verschärfung des britischen Asylgesetztes.

Auch für die nach der Schließung des Rotkreuz-Camps entstandenen inoffiziellen Zeltstädte in den Dünen rund um Calais gab es kein Pardon; 2009 räumte die Polizei das größten „Jungle Camp“, in dem zeitweise über tausend afghanische Flüchtlinge gelebt hatten. In den darauffolgenden Jahren wurden mehrere, primär von sudanesischen Flüchtlingen besetze Industrieruinen nicht nur geräumt, sondern direkt abgerissen. Die letzte große Welle der Repression folgte 2012, als sich Calais anlässlich der Olympischen Spiele als Vorzimmer Londons profilieren wollte – als sauberes Vorzimmer. Zu dieser Zeit hielten sich, laut Angaben des UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR, durchschnittlich noch etwa 500 Transit-Migranten in der 70.000-Einwohner-Stadt auf.

Zum Aufräumen hat die Aufstandsbekämpfungseinheit der französischen Police Nationale – die berühmt-berüchtigte „Compagnies Républicaines de Sécurité“, kurz CRS – schon seit Jahren eine Kompanie in Calais stationiert. Hauptauftrag der Einheit: Es den Flüchtlingen in Calais so unbequem wie möglich machen. Und dieses Ziel verfolgt die CRS mit Elan. Fast jeden Morgen kommt es zu Razzien in den provisorischen Unterkünften der Migranten. Decken, Schlafsäcke und Zelte werden konfisziert oder gezielt zerstört. Immer wieder wurden ganze Räume in den „Squats“ mittels Urin, Öl oder anderen vorgefundene Mitteln unbewohnbar gemacht. Wer sich nicht rechtzeitig davonmacht, wird mit ins „Detention Center“ im sechs Kilometer entfernten Coquelles genommen, Erkennungsdienstlich registriert und nach Lust und Laune ein paar Stunden oder Tage dort festgehalten.

Nach der Aufräumaktion zu Olympia sind heute nur noch etwa 300 Sans-Papiers (frz. „Papierlose“) in Calais unterwegs und diese verteilen sich über die ganze Region: In kleinen Gruppen leben sie auf der Straße, in den Parks, in verfallenen Gebäuden („Squats“) oder kleineren „Jungle-Camps“ in Wäldern und Dünen. Jeder Versuch eine eigene Infrastruktur aufzubauen – und dazu zählen schon Camps, die mehr als 20-30 Menschen beherbergen – wird im Keim erstickt. „Gerade jetzt im Herbst versuchen die Cops vermehrt Häuser und Camps zu räumen und den Migranten möglichst viele potentielle Unterkünfte für den Winter zu nehmen“, erläutert ein deutscher Aktivist der „Calais Migrant Solidarity“. Das Netzwerk junger Aktivisten aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland ist seit Jahren in Calais aktiv um die Sans-Papiers zu unterstützen und Polizeiübergriffe zu dokumentieren. „Same Shit as every Year.“ fügt der Aktivist, der ungenannt bleiben möchte, noch an.

„Calais, Lampedusa, Griechenland… Wir müssen realisieren, dass diese Situationen miteinander zusammenhängen“ kommentiert William Spindler von der UNHCR die aktuelle Lage. Erst vor Kurzem errechte ein erster, großer Schwung syrischer Flüchtlinge die Stadt. Einige von Ihnen kamen direkt vom Mittelmeer. Im Gegensatz zu den meisten anderen Communities, die sich aufgrund der harschen Lebensbedingungen in Calais primär aus jungen Männern zusammensetzen, war die über 60-Köpfige Gruppe in Begleitung von Frauen und Kindern. Nach den ersten zwei Monaten und mehreren Räumungen gingen die Syrer und Syrerinnen am 02. Oktober in die Offensive: Sie besetzten die Fußgängerbrücke zum Fähr-Terminal, einige traten in Hungerstreik. In ihren Forderungen ist zu lesen „ Viele von uns haben Familie und Freunde in England, welche wir sehen möchten und die Möglichkeit haben möchten mit ihnen zu leben. […] Wir haben das Recht Asyl in England zu beantragen, aber wie sollen wir dorthin kommen? Es gibt keinen legalen Überweg.“ Als die Polizei zwei Tage später begann, die Brücke zu räumen, drohten zwei der Geflüchteten, vom Dach des Terminals in den Tod zu springen, wenn ihnen kein Gespräch mit Vertretern des britischen „Home Office“ zugesichert würde. Sie wären nicht die ersten Toten der europäischen Einwanderungspolitik gewesen und sicherlich auch nicht die Letzten.