Ein Schiff der italienischen Küstenwache und Frontex verbrennt ein leeres Schlauchboot. Das Ziel der derzeitigen EU-Mission 'Operation Sophia' ist die Zerstörung von Schlepper-Infrastruktur. Foto: Fabian Melber
Ein Schiff der italienischen Küstenwache und Frontex verbrennt ein leeres Schlauchboot. Das Ziel der derzeitigen EU-Mission 'Operation Sophia' ist die Zerstörung von Schlepper-Infrastruktur. Foto: Fabian Melber

Wie die EU die Seenotrettung abschaffte

Geheime Überwachung und zwielichtige Befehle – mit einer mehrmonatigen Kampagne entfernte die Europäische Union zivile Seenotretter aus dem Mittelmeer. Erstmals veröffentlichte Dokumente zeigen jetzt, wie italienische Behörden gegen „Jugend Rettet” vorgingen.

Auch wenn deutsche Medien kaum noch darüber berichten: Weiterhin sterben Flüchtlinge im Mittelmeer. Alleine im Januar 2018 ertranken fast 200 Menschen auf der Flucht nach Europa. Die EU-Mitgliedsstaaten versuchen von ihrem Versagen abzulenken, statt Menschenleben zu retten. Die Flucht über das Mittelmeer wurde in den vergangenen Monaten systematisch durch die EU erschwert.

Libysche Milizen haben nicht nur einheimische Gewässer, sondern auch daran anschließende internationale Gewässer zum Sperrgebiet für zivile Seerettungsmissionen erklärt. Die Ursachen für die Flucht aus Libyen bleiben bestehen: Die Verhältnisse in libyschen Lagern sind menschenverachtend.

Die EU schreckt nicht davor zurück, mit der libyschen Diktatur zu kooperieren. Um die Mittelmeerroute von Libyen nach Europa zu sperren, nahmen EU-Mitgliedsstaaten auch Nichtregierungsorganisationen ins Visier - erstmals veröffentlichte Dokumente zeigen jetzt, wie die Seerettung im vergangenen Jahr Schritt für Schritt kriminalisiert wurde.

Kapitel #1 : 6. Mai 2017 – Die Iuventa wird verwanzt

Im Frühjahr 2017 sind die Augen der europäischen Öffentlichkeit auf das Mittelmeer gerichtet. Mindestens 1000 Menschen sind von Januar bis April bereits auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken. Die zunehmend nervöse EU legt kein schlüssiges Konzept vor, um das Sterben zu stoppen. Deswegen übernimmt die Zivilgesellschaft die Initiative: Zwölf Nichtregierungsorganisationen haben mit Unterstützung von zehntausenden Menschen aus ganz Europa eigene Schiffe zur Seerettung gekauft oder gechartert. Darunter ist auch die Organisation „Jugend Rettet”, die mit dem Schiff „Iuventa” im zentralen Mittelmeer Menschenleben rettet.

Zuständig für die Koordination der Seenotretter ist das italienische Maritime Rescue Coordination Center (MRCC), das dem dortigen Innenministerium unterstellt ist. Es gibt den Organisationen die Abläufe der Seerettung vor: Erhält die Behörde aus einer ihrer verschiedenen Quellen Informationen über Boote in Seenot, ordert sie nahegelegene Schiffe dorthin. Rettungen müssen mit dem MRCC abgesprochen werden. Auch danach gibt das MRCC den Ton an: Bis zum Erreichen eines sicheren Hafens entscheidet es, wie sich die Seenotretter mit Flüchtlingen an Bord zu verhalten haben.

Italiens Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom; Bild: Rosie
Scammell/IRIN
Italiens Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom; Bild: Rosie Scammell/IRIN

„Jugend Rettet” hatte das MRCC im April schlecht aussehen lassen: Am Osterwochenende konnte die „Iuventa” angesichts zahlreicher Seerettungen zwei Tage lang auf hoher See kaum manövrieren und musste einen Notruf absetzen. Das kleine Schiff, das unter Deck gerade einmal Platz für eine Crew von 16 Personen bietet, hatte 400 Flüchtlinge an Bord. Hunderte weitere Menschen im Gebiet um die „Iuventa” waren in Seenot. Das MRCC aber schaffte es zwei Tage lang nicht, größere Schiffe zum Einsatzort zu senden. Dafür wurde es in der internationalen Presse stark kritisiert.

Am 6. Mai erhält die „Iuventa” von der MRCC aus Rom ungewöhnliche Befehle, die die Crew aufhorchen lassen. Anstatt wie gewöhnlich gerettete Flüchtlinge an ein größeres Schiff zu übergeben, das sie sicher in einen Hafen bringt, soll die kleine „Iuventa” selbst 75 Flüchtlinge über Nacht in den italienischen Hafen von Lampedusa fahren. Nach zähen Verhandlungen dürfen die meisten Flüchtlinge auf andere Schiffe übergeben werden. Fünf von ihnen müssen allerdings weiterhin von der „Iuventa” selbst nach Lampedusa gebracht werden. Das Angebot von anderen Schiffen, statt der „Iuventa” die Flüchtlinge aufzunehmen, wird vom MRCC abgelehnt. Eine Begründung dafür gibt das MRCC nicht. Die Crew muss gehorchen. Hat ein Schiff gerettete Flüchtlinge an Bord, darf das MRCC bestimmen, was mit ihnen geschieht. Obwohl zur gleichen Zeit insgesamt 14 Flüchtlingsboote in Seenot geraten sind, muss das Schiff die derzeitige Mission abbrechen.

Der Mailverkehr zwischen der Iuventa und dem MRCC vom 04.-06. Mai

Am Hafen in Lampedusa wird die Crew von Einsatzkräften der italienischen Behörden empfangen: Mitglieder der Küstenwache, lokale Polizei und Eliteeinheiten der Antiterror-Polizei. Auch ein deutsprachiger Polizist ist darunter. Die Crew wird verhört, die „Iuventa” durchsucht. Während das Schiff im Hafen liegt, treffen 23 weitere Notrufe bei der Seerettungsstelle in Rom ein, bei denen die „Iuventa” nicht helfen kann. Mindestens fünf Boote können im aufkommenden Sturm im Mittelmeer von den übrigen Rettungsschiffen nicht versorgt werden. Ihr Schicksal ist weiterhin ungeklärt.

Wie Ermittlungsunterlagen der italienischen Behörden später zeigen werden, platzieren die Sicherheitskräfte im Hafen bei dieser Gelegenheit eine Wanze auf der Brücke der „Iuventa”. Sie hören in den kommenden Monaten sämtliche Gespräche im Steuerungsraum des Schiffes mit. Außerdem überwachen sie die Telefone von italienischen Crewmitgliedern und Unterstützern. Mit einer groß angelegten Überwachungsaktion konzentrieren sich jetzt italienische Ermittler auf die Menschen, die im Mittelmeer Leben retten.

Kapitel #2 : 19. Mai 2017 – Zwielichtige Befehle aus Italien

Die ungewöhnlichen Befehle des MRCC mehren sich in den kommenden Wochen. Am 19.Mai soll die „Iuventa” das Einsatzgebiet nach dem Willen des MRCC verlassen, um 26 Flüchtlinge nach Lampedusa zu bringen. Obwohl die Flüchtlinge an ein großes Schiff der italienischen Küstenwache übergeben werden könnten, sollen sie von der „Iuventa” direkt in Lampedusa übergeben werden. Die Crew erklärt dem MRCC, dass die Überfahrt mit dem kleinen Boot unsicher sei. Selbst die italienische Küstenwache kann das Verhalten des MRCC nicht nachvollziehen. Das Koordinierungszentrum bleibt aber bei ihrer Anweisung, ohne Angabe von Gründen.

Mission Log

2017-05-19

  1. 04:11

    POSREP an das MRCC gesendet

  2. 04:20

    Einfahrt in die 24-Seemeilen-Zone

  3. 04:20

    Anruf des MRCC, haben einen Notruf von einem Boot bekommen, unbekannte Position, unbekannte Ablegeort, zwischen 23:00 und 24:00 Uhr am 18.6. abgelegt, vermutlich Schlauchboot

  4. 06:55

    Mögliches TV ist ein Fischer, Kurs auf zwei weitere potentielle TV

  5. 07:40

    SITREP an das MRCC gesendet, nach Updates vom Schlauchboot und der generellen Situation gefragt

  6. 07:56

    Funkkontakt mit Sea Gull, informiert über ein kleines Holzboot mit etwa 20 Personen, teilweise ausgerüstet mit Schwimmwesten auf Position: 33°01,7'N 012°24,0'E

  7. 08:01

    Anruf beim MRCC; informieren über das kleine Holzboot, erhalten Anweisung den Kurs zu halten und die Menschen zu retten

  8. 08:05

    RIB Alarm

  9. 08:10

    Sichtkontakt zum TV

  10. 08:18

    Iuventa Rescue im Wasser

  11. 08:20

    Iuventa Rescue informiert: an Bord sind etwa 25 Menschen, inklusive 2 Frauen und 6 Kindern, Stimmung ist gut, Boot ist stabil aber überfüllt

  12. 08:35

    Info an das MRCC, alle Menschen mit Schwimmwesten ausgestattet, erhalten die Anweisung, sie zu evakuieren

  13. 09:00

    Moonbird informiert uns über 6 Schlauchboote, wir nehmen Kurs in die Richtung auf, Iuventa Rescue, Iuventa und Lilly in Vollgas, Spanischer Helikopter ist über den Schlauchbooten

  14. 09:05

    Anruf beim MRCC um ein Update über die aktuelle Situation zu geben, alle Menschen von dem Holzboot sind sicher evakuiert worden, Information über von Moonbird gefundenen 6 Schlauchboote weitergegeben

  15. 09:23

    Iuventa Rescue und Lilly warten außerhalb der 12-Seemeilen-Zone, zwei bestätigte TV, ein potentielles TV in Sicht

  16. 09:24

    Anruf beim MRCC um über aktuelle Situation zu informieren, sie raten nicht in die 12-Seemeilen-Zone einzufahren, da Operationen innerhalb der 12-Seemeilen-Zone unter Anweisung der libyschen Küstenwache stehen

  17. 09:33

    Moonbird informiert uns über etwa 7 Boote in Seenot

  18. 09:44

    Moonbird informiert uns über insgesamt 9 Boote, neue Positionsdaten im Vergleich zum vorherigen Kontakt

  19. 09:50

    SITREP an das MRCC, Information über die 9 von Moonbird gefundenen Boote (Email um 10:10 Uhr gesendet)

  20. 09:59

    Schwimmwesten an TV2 ausgeteilt (weißes Schlauchboot, stabiler Zustand, etwa 125 Personen, 14 Frauen, 2 davon schwanger, 2 Kinder)

  21. 10:06

    Anruf vom MRCC; wir informieren sie, dass sie eine Email mit allen Informationen bekommen

  22. 10:15

    Anruf vom MRCC, Inhalt der letzte Mail mit dem zuständigen Beamten diskutiert

  23. 10:15

    Schwimmwesten an TV3 ausgeteilt (weißes Schlauchboot, stabiler Zustand, etwa 135 Personen, 6 Frauen, davon 1 Schwanger, 1 Kind)

  24. 10:24

    Schwimmwesten an TV4 ausgeteilt (Holzboot, halbwegs stabiler Zustand, etwa 100 Personen)

  25. 10:29

    MRCC ruft an, Bestätigung welche der gemeldeteten Boote Iuventa in Sicht hat, mündlicher SITREP

  26. 10:54

    MRCC ruft an, Bestätigung welche der gemeldeten Boote Iuventa in Sicht hat

  27. 11:07

    ITCG ruft an, Update über aktuelle Situation, erhaltene ETA in etwa 2 Stunden

  28. 11:20

    Ein medizinischer Notfall vom TV 5 (blaues Schlauchboot, etwa 100 Personen, guter Zustand) an Bord genommen

  29. 11:25

    Update über die Situation von TV6 (weißes Schlauchboot, etwa 120 Personen, halbwegs stabiler Zustand)

  30. 12:30

    Erhalten Informationen von EU Marineschiff F86 Canarias, benannt als OSC, ETA zur Position etwa 1h

  31. 12:50

    1 Leichnam von TV5 geborgen

  32. 13:00

    Tod des geborgenen Körpers durch Arzt bestätigt

  33. 13:30

    F86 und CP 941 auf Position, erhalten Anweisung von F86 die Menschen auf den Booten zu beruhigen

  34. 13:33

    Evakuierung von TV4 auf die Iuventa abgeschlossen

  35. 14:10

    In Absprache mit OSC Schwimmwesten an TV7 ausgeteilt (weißes Schlauchboot, etwa 130 Menschen, 15 Frauen, davon 2-3 schwanger, 2 Kinder)

  36. 14:20

    In Absprache mit OSC Schwimmwesten an TV8 ausgeteilt (Holzboot, etwa 95 Personen, mittelmäßiger Zustand)

  37. 14:42

    In Absprache mit OSC, Beginn TV7 Richtung Iuventa zu ziehen

  38. 15:08

    In Absprache mit OSC, Beginn TV9 (weißes Schlauchboot, etwa 150 Personen, 11 Frauen davon 2 schwanger, 5 Kinder) Richtung CP941 zu ziehen

  39. 15:29

    Schwimmwesten an TV9 ausgeteilt

  40. 15:56

    Übersetzer von CP941/Unicef an Bord

  41. 15:58

    MRCC ruft an, MRCC rät dringend die 26 Personen von TV1 nach Lampedusa zu bringen, ist einverstanden, die Entscheidung dann zu treffen, wenn alle anderen Personen von der Iuventa evakuiert sind

  42. 16:45

    Start der Evakuierung des Leichnams und dem medizinischen Notfall von TV5 auf die CP941

  43. 17:30

    Start der Evakuierung der Personen von TV4 von Iuventa auf F86 von CP941 RIBs; 118 Personen

  44. 18:30

    Langsam Kurs Richtung Norden, Deck wird gereinigt, Schwimmwesten gepackt, Raft wird seitlich gezogen, RIB folgt Iuventa

  45. 18:33

    Email an das MRCC, Besorgnis über die Sicherheit der Menschen an Deck auf dem Weg nach Lampedusa geäußert

  46. 18:35

    Anruf beim MRCC, diskutieren Sicherheitsbedenken in o.g. Email

  47. 20:04

    Erhalten Informationen über einen medizinischen Notfall an Bord von Port Russel sowie Menschen im Wasser in deren Nähe

  48. 20:08

    Versuch den OSC F86 auf Channel 16 (offizieller Funkkanal für Seenotfälle) zu erreichen um ihn zu informieren, dass wir Kurs auf Port Russel nehmen um bei medizinischem Notfall auszuhelfen, informieren Port Russel, dass wir unterwegs sind

  49. 20:48

    RIB erreicht Port Russel, Arzt und Rettungsassistent sind an Bord, 4 medizinische Notfälle

  50. 20:52

    Medizinische Crew bleibt an Bord von Port Russel um medizinische Notfälle zu behandeln, während das RIB zurück zu Iuventa kommt um seine Crew aufzunehmen

  51. 21:18

    Anweisung des MRCC Kurs auf Lampedusa zu nehmen

  52. 21:58

    Information an das MRCC über medizinische Behandlung an Bord der Port Russel

2017-05-20

  1. 00:10

    Port Russel mit Kleidung und Rettungsdecken für gerettete Personen versorgt, medizinische Behandlung beendet, RIB und medizinisches Team in Stand By bei Port Russel, falls Evakuierung eines 2 Wochen alten Babys auf die CP941 nötig wird

  2. 00:23

    Entscheidung mit dem neuen OSC CP941 das Baby mit unserem RIB zu bringen

  3. 01:00

    Übergabe des Babys auf die CP302

  4. 01:30

    Such- und Rettungsoperation abgeschlossen, Kurs auf Lampedusa

  5. 18:45

    Alle im Hafen von Lampedusa

Das Vorgehen des MRCC wiederholt sich am 12. Juni. Wieder wird die „Iuventa” mit 28 Flüchtlingen an Bord nach Lampedusa beordert, obwohl andere Schiffe die Menschen aufnehmen könnten. Sowohl am 19. Mai als auch am 12. Juni wird die „Iuventa” am Hafen auf Lampedusa von Polizei und Küstenwache empfangen, die Crews werden abermals verhört. Wieder kann die „Iuventa” zu dieser Zeit nicht auf Notrufe aus dem Seerettungsgebiet antworten.

Offensichtlich geht es den Polizisten bei den Verhören auch um einen angeblichen Kontakt zu einem Schiff namens „Shada”, ein Geisterschiff, das in Waffenschmuggel verwickelt sein soll. Wie sich später zeigen wird, werfen die Behörden „Jugend Rettet” vor, sich mit der Crew der „Shada” ausgetauscht zu haben. Beweise dafür legen sie nicht vor. Sie können lediglich zeigen, dass die Schiffe sich an einem Tag in der Nähe voneinander befunden haben. Die eigenen Aufzeichnungen der Ermittler zeigen aber auch, dass in der fraglichen Zeit ganz andere Akteure vor Ort waren: Das italienische Polizeischiff Sirio409p kontrollierte die „Shada”.

Der Vorfall zeigt: Die Behörden arbeiten offensichtlich daran, Material zu sammeln, das sie gegen „Jugend Rettet” einsetzen können.

Kapitel #3 : 18. Juni 2017 – Seerettung am Limit

Der 18. Juni 2017 beginnt noch vor Sonnenaufgang mit einem Notruf. Das MRCC weist die „Iuventa” morgens um 4:40 Uhr an, ein Holzboot zu retten, das sich noch in libyschen Gewässern befindet. Als das Schiff um 6:20 Uhr an der Seegrenze zwischen Libyen und internationalem Hoheitsgebiet ankommt, trifft es auf drei Holzboote und ein Gummiboot mit Flüchtlingen aus Libyen. Auf Anweisung des MRCC beginnt „Jugend Rettet” gemeinsam mit einer anderen NGO, die ebenfalls zur Rettungsstelle geschickt wurde, mit der Evakuierung der Boote.

Im Laufe der Rettung kommt ein weiteres Gummiboot aus Libyen hinzu. Eine zusätzliche NGO erreicht ebenfalls den Einsatzpunkt und hilft dabei, Flüchtlinge aus den Booten zu retten. Die „Iuventa” nimmt insgesamt 97 Flüchtlinge an Bord, andere Flüchtlinge gelangen auf andere Schiffe. Beide Gummiboote werden noch im Wasser zerstört.

Die Iuventa ist derzeit im Hafen von Trapani festgesetzt. Bild: Jugend Rettet
Die Iuventa ist derzeit im Hafen von Trapani festgesetzt. Bild: Jugend Rettet

In der unübersichtlichen Szenerie kommen auch sogenannte Engine Fisher von der libyschen Küste dazu. Das ist nicht ungewöhnlich in der Zone vor Libyen. Sie schrauben die Motoren von den übrigen Booten ab, nehmen die drei Holzboote in Schlepptau und fahren zurück nach Libyen.

Die Italiener werden „Jugend Rettet” später vorwerfen, mit den Libyern zusammengearbeitet zu haben. Beweise haben sie dafür nicht. Die Fotos dazu, die die italienischen Ermittler vorlegen, sind irreführend betitelt.

Das MRCC will sich in diesem Zusammenhang nicht für „Jugend Rettet” einsetzen. Dabei hatte die Behörde selbst die Organisation zum Einsatzort beordert und die Notrettung koordiniert, wie auch die Einsatzprotokolle zeigen. In den folgenden Wochen wird das Verhalten des MRCC noch fragwürdiger werden.

Kapitel #4 : 2. August 2017 – Politisch motivierte Verfolgung

Ende Juli sieht sich die EU angesichts der Medienberichte über das Sterben im Mittelmeer zum Handeln gezwungen. Sie konzentriert sich aber nicht auf die Menschenrechtsverletzungen in Libyen, sondern zielt auf die Seenotretter: Während das Militär für die Seenotrettung mit Orden ausgezeichnet wird, wirft der deutsche Innenminister Thomas de Maiziére zivilen Organisationen vor, im Mittelmeer Straftaten zu begehen. Nach dem Willen der EU sollen die Seeretter einen Code of Conduct unterschreiben. Der sieht unter anderem vor, dass italienische Polizisten an Bord der zivilen Schiffe fahren sollen und kleine Schiffe wie die „Iuventa” Flüchtlinge nicht mehr an größere Schiffe übergeben dürfen, wo sie besser versorgt werden könnten. Schnell zeichnet sich ab, dass die meisten Organisationen, auch „Jugend Rettet”, den Text nicht unterschreiben werden. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag bezeichnet Teile des Dokuments als völkerrechtswidrig. Trotzdem droht der italienische Innenminister, dem auch das MRCC unterstellt ist, dass den Organisationen der Zugang zu italienischen Häfen verwehrt wird.

Am 1. August, ein Tag, nachdem die Frist zur Unterschrift unter den Code of Conduct verstreicht, erreicht die „Iuventa” ein Notruf des MRCC. Um 5:32 Uhr morgens weist es das Schiff ungewöhnlicherweise an, im zentralen Mittelmeer in einem Gebiet mit einer Breite von 700 Seemeilen ein Suchraster im Abstand von drei Seemeilen zu fahren. Normalerweise wird eine solche Suchoperation von der Leitstelle mit einer Fallnummer versehen. Dies bleibt jedoch aus. Das Abfahren des Rasters würde 40 Stunden dauern. „Jugend Rettet” schlägt dem MRCC daher vor, zusätzlich das zivile Suchflugzeug „Moonbird” loszuschicken. Die Piloten könnten das Suchgebiet innerhalb von wenigen Stunden abfliegen. Das MRCC lehnt aber ab: Das Zentrum würde einen eigenen Helikopter losschicken, daher bestehe Kollisionsgefahr. Auch nach acht Stunden ist der Helikopter nicht über dem Suchgebiet zu sehen. Das Schiff einer anderen Seenotrettungsmission darf nicht an der Suche teilnehmen und auch das Beiboot der „Iuventa” darf nicht ins Wasser gelassen werden. Stattdessen bricht das MRCC die Suchaktion am frühen Abend ab - ohne Ergebnis.

Direkt anschließend weist das MRCC die „Iuventa” an, mit zwei davor an sie übergebenen Flüchtlingen an Bord den Hafen von Lampedusa anzufahren. Als das Schiff dort in der darauffolgenden Nacht um 2 Uhr eintrifft, warten nicht nur die üblichen Polizisten und die Küstenwache auf das Schiff, sondern auch Journalisten. Am Morgen erscheinen in allen italienischen Medien Artikel, die der „Iuventa” Straftaten vorwerfen, illustriert mit Fotos aus italienischen Geheimdienstarchiven.

Die Crew wird verhört und das Schiff im Laufe des Tages konfisziert. Die Anordnung dafür ist, wie die Ermittlungsunterlagen zeigen, am 1. August unterschrieben worden – während die „Iuventa” auf Anordnung des MRCC ein Suchmuster im Mittelmeer fahren musste.

Epilog: Die EU schaut weg

Am 2. August wird die „Iuventa” auf Lampedusa festgesetzt und von den italienischen Behörden nach Sizilien gebracht. Die italienische Küstenwache beginnt eine Mission innerhalb von libyschen Hoheitsgewässern, um die „Migrationsströme zu stoppen”, wie es von italienischer Seite heißt. Am 7. August bedroht die EU-finanzierte libysche Küstenwache in internationalen Gewässern das Rettungsschiff der spanischen Organisation „Open Arms” und bedroht die Crew mit Waffengewalt. Sie fahren wie andere Zivilretter weiterhin Einsätze, aber mit deutlich erhöhtem Risiko. Am 10. August erklärt das libysche Militär eine eigene „Such- und Rettungszone” im Umkreis von 70 Meilen um Libyen und verbietet NGOs, darin zu fahren, obwohl dies völkerrechtswidrig ist. Von der EU unterstützte Milizen halten Flüchtlinge davon ab, Libyen zu verlassen. Die Mittelmeerroute wird geschlossen. Das MRCC koordiniert deutlich weniger Seerettungseinsätze. In Italien beginnt der Wahlkampf für die Parlamentswahlen.

Die „Iuventa” bleibt auch nach einem Gerichtsverfahren konfisziert, eine Beschwerde bisher erfolglos. Weitere Missionen von zivilen Rettungsschiffen müssen angesichts der Drohungen durch die Libyer abgebrochen werden. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die Toten auf dem Mittelmeer sinkt angesichts des erzwungenen Rückzugs der Organisationen erheblich.

Die EU kooperiert weiterhin mit Libyen, trotz der desolaten Zustände in den dortigen Lagern und des kriminellen Verhaltens der sogenannten libyschen Küstenwache.

Impressum

Quellen

Das Dossier basiert auf den Ermittlungsunterlagen der italienischen Staatsanwaltschaft, E-Mail-Verkehr zwischen italienischen Behörden und Jugend Rettet, Mission Logs und Interviews mit Crews von Jugend Rettet.

Credits

Text – Arne Semsrott
Entwicklung – Gustav Pursche
Gestaltung – Nadine Stammen

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