Voll abhängig

Der Tabak beschert Malawi wichtige Einnahmen, aber durch ihn fehlen Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln. Die Regierung will weg vom Tabak. Doch die Tabakindustrie steht im Weg – und ausgerechnet ein milliardenschweres Entwicklungsprogramm.

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Jeden Tag streift Erisa Chisenga durch sein Feld von 100 mal 100 Metern. Sein Hektar Hoffnung, der eine bessere Zukunft für seine Frau und die fünf Kinder bringen sollte. Eine Hoffnung, die er mit fast 400.000 Tabakbauern in Malawi teilt.

  • Bevölkerung: 17.2 Millionen

    Etwa 90 Prozent der Bevölkerung Malawis leben von der Landwirtschaft, die meisten als kleinbäuerliche Familien. Viele betreiben Subsistenzwirtschaft, das heißt, sie leben von dem, was sie selbst anbauen. Das ist vor allem Mais.
    Doch nur ein Drittel der Landesfläche ist landwirtschaftlich nutzbar. Durch die wachsende Bevölkerung wird urbares Land immer knapper.

  • 50% der Bevölkerung leben von weniger als 1$ am Tag

    Zwei von drei Einwohnern sind jünger als 25 Jahre.

  • Weltmarktführer im Export von Burley-Tabak

    Malawi ist Weltmarktführer im Export von Burley-Tabak, einer Tabaksorte, die fast jeder Zigarette beigemischt wird. Burley-Tabak aus Malawi hat einen Anteil von knapp sieben Prozent am weltweiten Markt für Tabak. Einen größeren Anteil hat Virginia-Tabak, der jedoch aufwändiger in der Herstellung ist und deshalb kaum von Kleinbauern produziert wird. Für die Zigarettenherstellung wird Burley-Tabak mit anderen Sorten aus anderen Ländern gemischt, etwa mit Virginia-Blättern aus Brasilien.

  • Tabak ist das wichtigste Exportgut

    Tabak ist Malawis wichtigstes Exportprodukt (vor Tee, Uranerz und Rohrzucker). Die zweitwichtigste Einnahmequelle nach dem Tabak sind jedoch Finanzhilfen des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und einzelner Geberländer.

  • Deutschland und Belgien sind die wichtigsten Abnehmer

    Zu den wichtigsten Abnehmern von malawischem Tabak zählen Zigarettenhersteller mit Sitz in Belgien und Deutschland. 2014 haben in Deutschland ansässige Hersteller Tabak aus Malawi im Wert von rund 93 Millionen Euro importiert. Deutschland ist der größte Zigarettenexporteur der Welt. In Deutschland produzieren etwa die Konzerne Philip Morris International (mit Zigarettenmarken wie Marlboro), Japan Tobacco International (American Spirit), das deutsche Tochterunternehmen Reemtsma von Imperial Tobacco und British American Tobacco (Lucky Strike).

Ohne Devisen keine Importe. Anders ausgedrückt: Malawi ist abhängig vom Tabak. Doch Rauchen wird zunehmend uncool. Immer mehr Menschen verzichten aus Rücksicht auf ihre Gesundheit darauf, hohe Steuern erschweren den Zigarettenfirmen das Leben. Was, wenn die Nachfrage sinkt?

Auf der Suche nach Antworten reisen wir durch ein kleines Land, das mitten in einem großen Dilemma steckt: Wie raus aus der Abhängigkeit vom Tabak, der bislang die wichtigste Einnahmequelle ist?

Malawi müsse seine Wirtschaft diversifizieren, also auch andere Produkte verkaufen, sagt der Finanzminister. Doch nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht ist Malawis Abhängigkeit vom Tabak problematisch. Die Arbeit mit dem Tabak gefährdet auch die Gesundheit der Bauern.

  • Viele Tabakbauern arbeiten ohne Schutzkleidung

    Das ist nicht nur gesundheitsschädlich, wenn sie Pestizide versprühen. An einem Erntetag – insbesondere, wenn die Blätter feucht sind – können Tabakbauern über die Haut so viel vom Nervengift Nikotin aufnehmen, wie in 50 Zigaretten enthalten ist.

    Die Folge: Die „Green Tobacco Disease“. Viele Tabakbauern leiden unter starken Kopfschmerzen, Schwindelanfällen, Herzrasen, Erbrechen oder Durchfall.

  • Besonders gefährdet sind Kinder.

    Malawi gilt als Land mit der höchsten Rate an Kinderarbeit in ganz Afrika.

    Allein auf Malawis Tabakfeldern arbeiten laut der Kinderschutzorganisation PLAN bis zu 78.000 Kinder. Ihre Eltern können es sich schlicht nicht leisten, erwachsene Erntehelfer zu bezahlen.

    Kinder sind von Nikotin und Pestiziden besonders gefährdet.

Kinderarbeit? Manch ein Großverdiener im Tabakgeschäft wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Wir haben einen von ihnen besucht. Willkommen auf dem Anwesen von Alfred Kapichira Banda.

Während Malawis Regierung weg will vom Tabak, halten andere daran fest. Ausgerechnet ein großes Entwicklungsprogramm behindert Malawis Exitstrategie aus dem Tabak: Die „New Alliance for Food Security and Nutrition“ (NAFSN).

  • New Alliance for Food Security and Nutrition

    2012 gründeten die G8-Staaten (Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, England, USA, Russland) die New Alliance on Food Security and Nutrition (NAFSN).

    Das Ziel: Binnen 10 Jahren 50 Millionen Menschen in zehn afrikanischen Ländern aus Armut und somit vom Hunger befreien.

    Das Rezept: Public Private Partnerships (PPP) – gemeinsame Investitionen von Staat und Wirtschaft.

  • Der Weg

    Beteiligte Staaten in Afrika: Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Ghana, Malawi, Mosambik, Nigeria, Senegal und Tansania.

    Private Partner: Großkonzerne wie Nestlé, Coca-Cola, Heineken, Bayer, Syngenta und Monsanto.

    Sie alle wollen bis 2022 nach eigenen Angaben mehr als 10 Milliarden US-Dollar in Afrikas Landwirtschaft investieren.

In Malawi beteiligen sich an der NAFSN auch die Tabakkonzerne Alliance One und Limbe Leaf. Gemeinsam kaufen die beiden Giganten jedes Jahr den Großteil der Tabakernte in Malawi.

Aber ist Malawi nicht jetzt schon zu abhängig vom Tabak? Wir haben bei Alliance One nachgefragt.

Mit der Tabakindustrie gegen Hunger? Rauchen für Malawi? Für die Umsetzung der New Alliance in Malawi ist die Europäische Union zuständig. Die Grünen-Abgeordnete Maria Heubuch erstattet dem Ausschuss des EU-Parlaments für Entwicklung Bericht. Heubuch empfiehlt der EU, aus der New Alliance auszusteigen.

Auch der Entwicklungsökonom Donald Makoka sieht die NAFSN kritisch. Makoka gilt als einer der ausgewiesensten Kenner des malawischen Tabaksektors. Im Interview erklären Heubuch und Makoka, vor welchen Problemen Malawi steht und welche Rolle Tabakindustrie und New Alliance dabei spielen.

Realitätsabgleich beim Tabakbauern Erisa Chisenga. Erst ein einziges Mal in fünf Jahren Tabakanbau hat er einen kleinen Gewinn gemacht – wobei diese Rechnung auch für ihn nur aufgeht, weil er seinen enormen Arbeitsaufwand nicht einberechnet. Die anderen Jahre hat er auf seinem Tabakfeld für nichts geschuftet und seine Gesundheit gefährdet.

Dieses Jahr hat Alliance One seine Ernte von 540 Kilo für 1 Dollar pro Kilo gekauft. Seine Kosten für Saatgut und Dünger beliefen sich auf 850 Dollar. Somit kann er die Kredite nicht zurückzahlen. Nicht der Gewinn, seine Schulden sind gewachsen.

Voll abhängig
Story
Chris Grodotzki & Marius Münstermann
Unterstützung in Malawi
Collins Mtika & Alfred Chauwa
Gestaltung & Programmierung
Gustav Pursche