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Das Schweigen der Lämmer

Das Schweigen der Lämmer

Es ist etwas faul in Dornogobi. Die Nomaden der mongolischen Wüstenprovinz klagen über mysteriöse Krankheiten in ihren Viehbeständen, über verseuchtes Wasser und giftigen Staub. Ein Atomkonzern, der in der Gegend den Uranabbau probt, möchte damit nichts zu tun haben.

16. JUNI 2015

Die Mongolei ist seit jeher das Land der Nomaden, die Viehzucht ist ihre Lebensgrundlage. Ernährung, Einkommen, Kultur – in der Wüste Gobi ist jeder Aspekt der menschlichen Existenz von den Schafen, Ziegen, Pferden und Kamelen abhängig.
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Doch in den letzten Jahren hat sich für die umherziehenden Nomaden einiges verändert: Wasserknappheit aufgrund des Klimawandels und die Folgen vielfältiger Bergbau-Vorhaben im ganzen Land machen ihnen immer mehr zu schaffen.
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Im Bezirk Ulaanbadrakh haben die Nomaden noch ein ganz anderes Problem: Sie berichten vom schlechten Gesundheitszustand ihrer Tiere, von rätselhaften Fehlgeburten und Missbildungen.
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Mit leisen Rufen treibt ihre Herde voran. Ein grauer Deel, das traditionelle, lange Gewand der Nomaden in der Mongolei, schützt sie vor Kälte, ein Tuch um Mund und Nase vor dem Staub, welchen vierhundert Hufe aufwirbeln, während sie gemütlich durch den Wüstensand trampeln. Pansalmaa sieht sich um, eine ihrer Ziegen ist ein Stück zurückgeblieben und knabbert mühselig an einem vertrockneten Strauch.

Rings herum erstreckt sich die karge Landschaft der Wüste Gobi. Heller, orangefarbener Sand, Kiesel und knöchelhohes Buschwerk, so weit das Auge reicht, dreihundertsechzig Grad. Nur in einer Richtung gibt es eine kleine Erhebung vor dem Horizont. „“ heißt der Hügel, der für die Nomaden eine spirituelle Bedeutung hat: Einmal im Jahr kommen sie aus der ganzen Region hier zusammen um zum heiligen Geist des Berges, für die Gesundheit der Menschen und Tiere zu beten. Den Rest der Zeit hat er einen anderen, ganz praktischen Nutzen: Den Nomaden, die meist ohne GPS-Gerät oder Kompass unterwegs sind, dient er als Orientierungshilfe in der immer gleichen Ebene.

Pansalmaa beugt sich über die zurückgebliebene Ziege. Das Tier hat sich mittlerweile in den Staub gelegt und gibt angestrengte Laute von sich. „Die Wehen“, sagt Pansalmaa. Wenige Minuten später sind zwei kleine Zicklein vor ihr in den Sand geplumpst. „Beide lebendig!“, freut sie sich. Im Jahr zuvor hatte das Tier, das zu Pansalmaas Lieblingen gehört, eine Fehlgeburt. In ihrer Herde sind in den letzten Tagen auffällig viele Zwillinge zur Welt gekommen, doch die Geschwister werden nicht lange zusammenbleiben. Pansalmaa möchte einige der Zicklein abgeben – an diejenigen Nomadenfamilien, die auch in diesem Jahr mit hohen Verlusten zu kämpfen haben. Viele der Nomaden Ulaanbadrakhs klagen über den schlechten Gesundheitszustand ihres Viehs. Die Tiere seien weniger resistent und wirkten „dümmer” als normal, hört man in fast jeder Jurte. Hinzu kommen Fehlgeburten und Mutationen, die sich bei den Tieren der Nomaden in Ulaanbadrakh häufen.

Am frühen Abend kommt Pansalmaas Mann Baasanbat auf seinem Motorrad vorbei, um die Neugeborenen einzusammeln. Pansalmaa nimmt eines der Zicklein in den Arm und versucht damit langsam, die immer noch etwas verdattert dreinschauende Ziegenmutter dazu zu bewegen, ihr und der Herde zurück zu folgen. Nach einiger Zeit erscheint am Fuß des Bergs ein weißer Punkt: die Jurte. In der Abenddämmerung trifft Pansalmaa dort mit ihrer Herde ein.

Erschöpft lässt sie sich auf eines der beiden Betten fallen. Ein Feuer aus getrocknetem Dung prasselt. Die „Zeit der kleinen Tiere“, jetzt im März, ist für die Nomaden die anstrengendste Zeit des Jahres. Die ganze Nacht müssen sie Wache halten, damit, falls es Geburten gibt, keines der Lämmer oder Zicklein erfriert. In diesem Jahr ist diese Gefahr für Pansalmaas Herde besonders groß. Normalerweise würde eine über Monate gewachsene, isolierende Dungschicht unter dem Lagerplatz die Lämmer vor der Kälte des Bodens schützen, doch Pansalmaa und ihre Tiere sind gerade erst an diesen Platz umgezogen. Ihr altes Lager liegt dreißig Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Bergs. Dort wollte sie nicht bleiben, denn hinter dem Berg sitzt jetzt Kogegobi, eine Tochterfirma des französischen Atomkonzerns Areva.

Noch atmet es, wenn auch mit Schwierigkeiten. Es sind seine letzten Minuten. Wenig später ist das Zicklein, das erst am Morgen geboren wurde, tot.
Viele Lämmer und Zicklein in der Region werden wie dieses bereits tot geboren. So gut wie jede Nomaden-Familie in Argalant, dem am meisten betroffenen Unterbezirk Ulaanbadrakhs, hat Verluste zu beklagen, zwanzig Prozent sind keine Seltenheit, manchmal sind es auch deutlich mehr.
Auch Mutationen treten seit einer Weile gehäuft auf – es kursieren sogar Bilder von Lämmern mit zwei Köpfen. Umweltaktivist Enkhbuyant zeigt ein Lamm dessen Fußgelenke falsch aufgebaut sind. Es wird so nicht lange überleben können.
Fragt man abends in den Jurten Argalants nach den Ursachen dieser Missbildungen, ist „Areva“ häufig die Antwort der Nomaden. Eine Tochterfirma des international agierenden Atomkonzerns hat ihr Lager in der Region aufgeschlagen und experimentiert mit einem unkonventionellen Verfahren zum Uranabbau.

Seit Jahren bereiten Areva Mongol und die Tochterfirma Kogegobi – an denen neben dem Mutterkonzern Areva auch das Mitsubishi-Konglomerat mit 34% beteiligt ist – im Landkreis den Abbau tiefliegender Uranreserven vor. In diesem Rahmen testete Kogegobi 2010 bis 2011 das sogenannte In-Situ-Leaching-Verfahren (“Vor-Ort-Laugung”), das dem Fracking unkonventioneller Schiefergasquellen ähnelt. Kurz nach den ersten Tests trat eine Welle von Fehlgeburten und Missbildungen in den Viehbeständen der Nomaden auf. Das Phänomen breitete sich in der ganzen Gegend aus und erreichte 2014 seinen bisherigen Höhepunkt: Eine Familie verlor damals 95 Jungtiere – 80 Prozent der Geburten in ihrer Herde.

Tote Kälber und ein Verdacht

Öffentlich bekannt wurden diese Vorgänge durch Norsuren. Im November 2012 fand der Nomade, der neben Ziegen, Schafen und Pferden auch einige Rinder hält, vier seiner Kälber tot auf. „Die waren kerngesund!“, schimpft er. Die Stimme des stämmigen Mannes bebt noch heute, wenn er von den Vorfällen spricht: „Sie müssen einfach umgefallen sein.“ Als in den folgenden Wochen weitere 15 Tiere unter mysteriösen Umständen sterben, hat Norsuren einen Verdacht: „Es muss mit dem Wasser zu tun haben, das die Tiere getrunken haben“, mutmaßt er. Er weiß, dass es auch bei anderen Familien zu Problemen gekommen ist und will den Tod seiner Kälber aufklären. Er schreibt an die Veterinärbehörde sowie eine staatliche Beschwerdestelle in der Hauptstadt .

Seine Eingabe landet bei Tserenchimed, Chef des staatlichen veterinärmedizinischen Labors. Der reist daraufhin nach Ulaanbadrakh um sich ein Bild der Lage zu machen, nimmt Blutproben und untersucht die Organe geschlachteter Tiere. Er stellt verschiedene Veränderungen fest. Die Symptome, erklärt der Veterinär, sprächen für eine Kombination aus Vergiftungen durch Schwermetalle und andere Elemente sowie dem Einfluss radioaktiver Strahlung.

Für die betroffenen Nomaden ist klar, dass die Abbau-Tests für die Probleme verantwortlich sind. Eine Vergleichsuntersuchung an Tieren in einer anderen Region, bei der Tserenchimed keine Auffälligkeiten feststellen kann, stützt den Verdacht der Nomaden, dass die Probleme bei den Tieren, etwas mit den Tätigkeiten der Uran-Firma zu tun haben könnten.

Keine Vergleichsuntersuchungen, kein Interesse an Aufklärung

Amarjargal ist in der Provinz für die öffentliche Gesundheit zuständig. Sie sagt, die Firma hätte eigentlich keine Genehmigung für den Test-Abbau erhalten dürfen, da ihrer Behörde weder eine Gesundheitsprüfung, noch vor Beginn der Tests durchgeführte Vergleichsuntersuchungen, etwa der Brunnen in der Gegend, vorlägen. Auch über die Ergebnisse einer angeblich erfolgten Umweltverträglichkeitsprüfung sei die lokale Behörde nicht informiert worden. Jetzt werde es schwierig, überhaupt noch irgendetwas Eindeutiges herauszufinden.

So sind Tserenchimeds Untersuchungen, die einzigen wissenschaftlichen Daten, die zu der Situation in Ulaanbadrakh erhoben wurden. Er darf seine Studie jedoch nicht veröffentlichen. Die Regierung enthob ihn zudem seiner Funktion als Leiter des nationalen veterinärmedizinischen Labors. „Die Regierung hat kein Interesse daran, die Vorgänge in Ulaanbadrakh aufzuklären”, schimpft der renommierte Tierarzt.

Trotzdem liegt es Tserenchimed, der auch dem mongolischen Nationalrat der Wissenschaftler vorsitzt, fern zu verkürzen: Natürlich gebe es eine Reihe von Faktoren, die den Nomaden in der Wüste Gobi zu schaffen machten. Nicht alle hingen mit dem Uranabbau zusammen. Wasserknappheit in Folge des Klimawandels sei ein ernstes Problem, gleichzeitig sorge der Bergbau auch in anderen Regionen für Konflikte. Etwa Gold oder Kupferabbau, stellten eine teils enorme Belastung für die Gewässer dar. Ein von Umweltschützern erkämpftes Gesetz, das den Bergbau in der Nähe von Flüssen reguliert, wurde gerade erst gelockert. Doch was in Ulaanbadrakh passiere, sei in der Mongolei einmalig.

Eine Stichprobe unterstreicht Tserenchimeds Worte: Norsuren hat gerade eine Ziege geschlachtet, seine Söhne zerlegen das Tier und halten nacheinander verschiedene Organe in die Höhe. „Man kann hier deutliche Veränderungen erkennen“, sagt der Tierarzt und zeigt auf helle Stellen im Lungengewebe. „Das ist nicht normal – und das finden Sie, egal, welches Tier sie sich anschauen.“

„Gleichzeitig sind die Fälle sehr unterschiedlich“, sagt der Veterinär. Norsuren beispielsweise habe ganz in der Nähe einer Deponie für den schwach radioaktiven Bohrschlamm gelebt, die Kogegobi zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal abgesperrt hätte. Möglicherweise hätten seine verstorbenen Kälber sogar aus dem dortigen Schlammloch getrunken. Die genaue Ursache ihres Todes konnte nie festgestellt werden. Bei den Ziegen und Schafen in der Region verstärkt auftretende Augenprobleme seien hingegen eine typische Folge der Einwirkung radioaktiver Strahlung. Andere Symptome weisen eher auf eine Vergiftung durch Schwermetalle hin, die der Veterinär ebenfalls mit dem Uranbergbau in Verbindung bringt: Gefährlich sei die Substanz nicht nur durch ihre Strahlung, sondern auch durch ihre toxische Wirkung. Hinzu kommt, dass mit dem Uran auch eine ganze Reihe anderer, giftiger Elemente freigesetzt werden können. „Ich bin mir sicher, dass die Aktivitäten von Areva etwas mit den Problemen zu tun haben“, resümiert Tserenchimed.

Die schlammigen Überreste des Testabbaus hat Kogegobi auf einer Deponie in der Wüste abgelagert. Im Gegensatz zur Umgebung können hier erhöhte Strahlungswerte gemessen werden.
Kogegobi hat die Bohrschlamm-Deponie mittlerweile mit einem Maschendrahtzaun vor unbefugtem Zutritt gesichert. Vor der Verteilung radioaktiver Partikel durch den Wind schützt dieser allerdings nicht. Um dies zu verhindern, müsste die Deponie zumindest durch eine entsprechend dicke Erdschicht abgedeckt werden.
Norsuren sieht in der Deponie den Grund für den Tod seiner Kälber. Die Tiere hätten bereits vor Errichtung des Zaunes direkt an der Deponie geweidet, eventuell gar von dem dort abgekippten Schlamm getrunken – wenige Tage später fand er sie tot auf.

Die Uranvorkommen in Dornogobi sind lange bekannt. Rostige Rohrstümpfe, die alle paar hundert Meter aus dem Boden ragen, zeugen von sowjetischen Explorationsbohrungen in den Achtzigerjahren. Damals wurden jedoch lediglich Bohrkerne entnommen, zum tatsächlichen Abbau kam es damals nicht.

Um die Jahrtausendwende wurde dann der französische Atomkonzern Areva in der Mongolei aktiv, der auch in anderen Ländern immer wieder in der Kritik steht. In Niger beispielsweise, wo Areva die größte Uranmine der Welt betreibt, verstarben immer wieder Bergleute unter mysteriösen Umständen. Das Strahlenforschungsinstitut CRIIRAD stellte daraufhin in der Umgebung des Tagebaus erhöhte Strahlungswerte und verseuchtes Trinkwasser fest.

In gibt es keine Tagebaue, die Lagerstätten der „Sainshand Formation“, die hinter dem Berg des Huhns ausgebeutet werden sollen, entsprechen dem sogenannten Rollfront-Typ. Im Gegensatz zu anderen Lagerstätten, wo das Uranerz aus festem Gestein besteht, lagert das Element hier in einem porösen Aquifer, einer grundwasserführenden Schicht. Anstatt das uranführende Gestein aufwändig abzutragen, wird hier mit dem unkonventionellen Verfahren des In-Situ-Leaching (ISL). gearbeitet, welches ganz eigene Risiken birgt.

In-Situ-Leaching

Dieses Verfahren ähnelt dem hierzulande bekannteren Fracking, zur Ausbeutung von Öl und Gasvorkommen: Durch ein Bohrloch wird beim ISL Schwefelsäure oder ein anderes Lösungsmittel in die uranführende Schicht gepumpt.

Kuh
Brunnen
Förderturm

Die Säure löst das Uran und weitere Elemente aus dem Gestein und wird dann über weitere Bohrlöcher wieder an die Oberfläche gepumpt, wo das Uran extrahiert wird.

Der – wenn auch schwach – strahlende Schlamm, der übrig bleibt, wurde im Anschluss in die Wüste gekippt. Es entstand zunächst eine Art Tümpel, der möglicherweise Norsurens Kälbern zum Verhängnis wurde und nach und nach austrocknete.

Schutz vor der Verteilung des strahlenden Staubs durch den Wind, gibt es nicht. Die Gegend um die Bohrstelle Dulaan Uul ist topfeben, bei einem der hier regelmäßig auftretenden Sandstürme können sich giftige Partikel also über weite Strecken verteilen. Auch eine Kontamination des über dem Uran liegenden Grundwassers kann beim Abbau schwer ausgeschlossen werden. Eine Untersuchung der Brunnen in Argalant Ende 2013 ergab bei mehreren Brunnen erhöhte Werte für Uran und andere gesundheitschädliche Elemente.

Bei dem Nomaden Ariunbold und seiner Frau Sarangerel, die mit ihren Herden unmittelbar neben dem Kogegobi-Gelände leben, fingen die Probleme mit den Tieren im Jahr 2011 an, also direkt nachdem die Firma begonnen hatte, das In-Situ-Leaching zu testen. Bei Pansalmaa, die zu diesem Zeitpunkt zwölf Kilometer entfernt im Abwindbereich der Deponie wohnte, gab es, genau wie bei Norsuren, 2012 die ersten Totgeburten. „Vorher hatten wir keine Probleme“, sagt Gantur, in dessen Herde dieses Jahr bereits über zwanzig Jungtiere gestorben sind oder tot geboren wurden. Niemand unter den Nomaden Ulaanbadrakhs kann sich daran erinnern, dass Totgeburten vor 2012 jemals mehr als Einzelfälle gewesen wären. Nun ist daraus die Regel geworden.

Um einen Zusammenhang zwischen den Tests und den Totgeburten zu beweisen, wäre allerdings weitere Forschung nötig. Dafür fehlen neben dem politischem Willen auch die wissenschaftlichen Grundlagen, erklärt Professor Tsabshir, Direktor der medizinischen Universität in . So könne man in der aktuellen Situation einen Zusammenhang weder nachweisen noch ausschließen. Sein Fazit zum In-Situ-Leaching: „Wir sind nicht bereit für diese Technologie.“

Viele Nomadenfamilien leben seit Generationen in der Gegend um Ulaanbadrakh. Egal, wer am Ende verantwortlich ist – für sie ist die Situation existenzbedrohend. Wenn ihre Tiere sterben, bleibt ihnen nichts.
Bisher betrafen die Totgeburten nur Ziegen und Schafe, doch auch der Gesundheitszustand der größeren Tiere hätte sich merklich verschlechtert. Viele der Nomaden machen sich deshalb Sorgen um die Zukunft, vor allem um die der jüngeren Generation.
Einige haben sich dazu entschieden zu kämpfen, andere verkaufen nach und nach ihren Viehbestand. Manche hoffen auf ein Referendum gegen den Uranabbau. Einer sagt: „Ich bin alt. Wenn es sein muss werde ich auf Areva schießen!”

Ähnlich wie bei den Leukämieclustern um Atomkraftwerke in Deutschland, die ebenfalls nur statistisch belegt sind, bleibt es auch in Ulaanbadrakh zunächst bei einem Verdacht gegen Areva. Zu wenig Untersuchungen gibt es bis dato, etwa über Niedrigstrahlung, wie sie im Umkreis von Atomanlagen auftritt und deren Wirkung unter Nuklearmedizinern und Strahlenbiologen umstritten ist. Ausschließen kann man eine gesundheitliche Beeinträchtigung der Tiere und Menschen in der Region jedoch nicht.

Areva Mongol scheut derweil die öffentliche Debatte und versucht lieber, die Nomaden von sich abhängig zu machen. Für ein Interview standen die Konzernvertreter in der Mongolei nicht zur Verfügung, wiederholte Anfragen um Stellungnahme blieben unbeantwortet. Auch einen zugesagten Vortrag zur der Situation in Ulaanbadrakh, bei einer eigens dafür abgehaltenen Konferenz an der Universität von Ulaanbaatar, ließ die Firma platzen. Für den Uranabbau trat lediglich ein vom Staat entsandter Physikprofessor ein. Dieser präsentierte als Beweis für die Unbedenklichkeit des In-Situ-Leachings eine Studie, bei der Kamelmilch in der Region negativ auf radioaktive Partikel überprüft worden war. Die Studie wurde jedoch schon 2008 durchgeführt – zwei Jahre vor Beginn des ISL-Tests.

In einem Ordner mit Fotos totgeborener Tiere bei einer Familie, die 2014 fast alle Neugeborenen verloren hatte, findet sich auch Dokumente mit Areva-Logo. Die Leute zeigen sie nur wiederwillig. Der Kredit des Atomkonzerns habe sie vor dem Ruin gerettet. Doch ihre Kritik am Urannabbau, die sie zuvor deutlich geäußert hatten, fällt seither spärlicher aus. Die anderen Nomaden fühlen sich von der Familie im Stich gelassen. Der Konzern nennt es eine Maßnahme zur Unterstützung wirtschaftlich schwacher Familien und stellte mehreren betroffenen Nomaden-Familien Tiere auf Kredit zur Verfügung. Dies könnte als Schuldeingeständnis interpretiert werden, oder auch nur als Versuch, die ansonsten geschlossene Anti-Areva-Bewegung zu spalten.

Für die meisten Nomaden steht fest wer für ihre Probleme verantwortlich ist. Sarangerel lacht, wenn sie davon erzählt, wie Vertreter von Areva bei einer Versammlung in Ulaanbadrakh Anfang des Jahres mit traditionellem Neujahrsgebäck beworfen wurden, welches sie zuvor an die Teilnehmenden verteilt hatten. Entsprechend stimmten bei einem Referendum das Ende März in den am stärksten betroffenen Landkreisen Ulaanbadrakhs, stattfand, hundert Prozent der Nomaden gegen die Uranabbaupläne von Areva. Die Firma hat jedoch bereits weitreichende Lizenzen von den mongolischen Behörden bekommen. Ob sich der Konzern an den Volksentscheid halten wird, ist fraglich.

Bis Areva vertrieben ist

Sarangerel und Ariunbold haben inzwischen mehr oder weniger resigniert. In ihrer Herde gibt es dieses Jahr bewusst keine kleinen Ziegen und Schafe: „Es bringt doch eh nichts“, sagt die Nomadin und kämmt ein riesiges Bündel Kamelhaarwolle. Sie möchten sich auf die großen Tiere konzentrieren, da sei es noch nicht so schlimm. Die Ziegen und Schafe wollen sie nach und nach verkaufen, ihr Leben hier, irgendwie zu Ende leben. Aber für die Zukunft sehen sie schwarz, sollte der Konzern wirklich mit dem Uranabbau beginnen.

Wenige Kilometer entfernt gibt sich der 58-jährige Jambalsuren, einer der Vertreter der Nomaden, unterdessen zuversichtlich. Er glaubt, dass es gelingen kann Areva aus der Wüste zu vertreiben, und setzt große Hoffnungen in das Referendum: Areva müsse sich daran halten. Uran, sagt er, brauche die Mongolei nicht. Er selbst hat zwei Solarpaneele vor seiner Jurte aufgebaut. Der Strom, den sie liefern, reicht aus für Beleuchtung, Fernseher, Musikanlage und sogar eine Kühltruhe. Die Mongolei hätte das Potential ihren gesamten Strombedarf über erneuerbare Energien zu decken, ist er sich sicher.

Pansalmaa sagt, sie brauche kein Uran und auch keinen mongolischen Staat. Das Einzige was sie brauche, sei das Land ihrer Ahnen. Sie ist wütend auf den Konzern, der den Frieden in der Wüste und teilweise sogar den Frieden der Nomaden untereinander störe. Sie hat Angst vor den Folgen, die es für die Nomaden hier hätte, würde Areva tatsächlich mit dem kommerziellen Abbau beginnen. Und sie möchte kämpfen, solange ihr das möglich ist: „Bis Areva aus der Region vertrieben ist!“