Swotting for a right to stay

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The deportation to Kosovo in 2003 was a shock for the Avdijaj Kids. Now they are back in Germany, but their right to stay depends on their efforts in the university. [Text/German]

Published in Jungle World (24.01.2013)

Büffeln für ein Bleiberecht

Familie Avdijaj hatte Glück. Nachdem sie 2003 aus einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg in den Kosovo ausgewiesen worden war, haben es zwei der Kinder dank eines Stipendiums und der Hilfe von befreundeten Menschen nach Deutschland zurückgeschafft. Ihre Zukunft hier bleibt jedoch weiterhin von ihrer Leistung abhängig.

»In zehn Jahren habe ich dann meinen Doktortitel«, scherzt Elvir Avdijaj. Seine Geschwister grinsen. »Und einen Porsche Carrera GT noch dazu!« ergänzt der junge Mann mit dem lässigen Dreitagebart. Familie Avdijaj hat sich um den Tisch im Garten ihres kleinen Hauses in Kashice, einem kleinen Dorf nahe der Stadt Peja im Westen des Kosovo, versammelt. Auf den Plastik-Gartenstühlen im Schatten der Weinreben genießen sie eine selten gewordene Familienidylle.

Elvir hat gerade sein Abitur gemacht und bewirbt sich derzeit auf einen Studienplatz an der Universität in Peja. Seine beiden Geschwister, Edvin und Elvira, sind hingegen nur zu Besuch im Kosovo. Mit einem Stipendium konnten sie als »ausländische Studenten« nach Deutschland kommen – in das Land, in dem sie aufgewachsen und bis 2003 zur Schule gegangen sind.

2003 begann für die Avdijajs das, was für viele andere Familien zu einem nicht endenden Albtraum geworden ist. Elvira wird den Tag wohl niemals vergessen, als sie von der Schule nach Hause kam und Mutter Xhevahire ihr sagte: »Elvira, wir gehen zurück in den Kosovo«. »Ich dachte erst, die verarscht mich«, erzählt die heute 23jährige. »Ich habe das alles gar nicht richtig realisiert, bis wir im Auto saßen. Das war ganz schlimm für uns«, erinnert sie sich, »es war eine Fahrt ins Leere! Ich wusste ja überhaupt nichts über dieses Land, in das wir fuhren!«

Die Rückkehr der Avdijajs, die bis dahin zehn Jahre lang im schwäbischen Gomaringen gelebt hatten, war alles andere als freiwillig. Die Abschiebung der Familie war bereits angekündigt. Um die Zwangsmaßnahme und die damit verbundenen fünf Jahre Einreisesperre zu vermeiden, erklärten sich die Eltern bereit, mit der Familie auszureisen. Den Kindern sollte wenigstens die Möglichkeit erhalten bleiben, in den Sommerferien ihre Freunde zu besuchen. »Freiwillige Ausreise« ist der Terminus, den die Ausländerbehörden für diese Art der Ausweisung verwenden.

Dass die Avdijajs heute relativ zuversichtlich in die Zukunft blicken können, verdanken sie nicht zuletzt einigen engagierten Einwohnern von Gomaringen, die von Elviras Klassenlehrerin, Waldtraut Klett, zum Handeln bewegt wurden. Als diese von der drohenden Abschiebung hörte, wurde sie sofort aktiv und gründete einen Unterstützerkreis. Dieser sammelte Geld für den Bau eines Hauses für die Familie im Kosovo und betrieb Öffentlichkeitsarbeit. Bis heute schickt die Gruppe jeden Monat ein wenig Geld an die Familie.

Der Unterstützerkreis war es auch, der es den drei Kindern jeden Sommer ermöglichte, ihre Freunde in Süddeutschland zu besuchen. So riss der Kontakt trotz der Entfernung, auch über Jahre hinweg, nicht ab. »Wir hatten immer Menschen, die uns unterstützen, das war für uns sehr wichtig«, sagt Edvin. »Wir haben auch immer wieder darüber gesprochen, dass wir vielleicht wieder zurück könnten«, fügt Elvira hinzu. Möglich geworden ist die Rückkehr jetzt für die beiden durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung.

Dass seine beiden Geschwister es geschafft haben, ist für Elvir, den Jüngsten der Familie, eine große Ermutigung. Auch er möchte zurück nach Deutschland, wo nach wie vor viele seiner Freunde leben. Er gibt sich alle Mühe und lernt quasi ohne Unterlass. Leicht wird es trotzdem nicht. »Der Druck ist riesengroß«, gibt sein älterer Bruder Edvin zu. »Nur die wenigsten schaffen das«, fügt sein Vater Isen hinzu. Man merkt ihm den Stolz auf das an, was seine Kinder erreicht haben. Nur mit sehr guten Noten ist es möglich, in Deutschland weiterzustudieren.

Edvin beispielsweise habe einige Prüfungen bis zu viermal geschrieben – so lange, bis er mit der Note zufrieden war. »Dieser Druck war die ganze Zeit da. Wir haben nie gelernt, weil uns etwas interessiert hat, sondern immer nur, um nach Deutschland zurückkommen zu können«, resümiert Elvira. Selbst jetzt, da sie das Stipendium hat und in Baden-Württemberg studieren kann, kann sie sich nicht wirklich entspannen: Bringt sie gute Leistungen, wird ihr Stipendium, und damit ihr Visum, verlängert. Bleiben diese aus, droht die Ausweisung in den Kosovo.

Ähnlich wie für Elvira ist die Situation heute auch für viele Kinder und Jugendliche mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland.

Im Jahr 2010 haben die deutsche und die kosovarische Regierung ein Abkommen unterzeichnet, das die »Rücknahme« 14 000 »ausreisepflichtiger« Personen aus dem Kosovo vorsieht. Die meisten von ihnen, rund 10 000, sind Roma, die teilweise bereits 20 Jahren als Geduldete in Deutschland leben. Das Abkommen sieht außerdem vor, dass der Kosovo auch Kinder und Ehepartner der Betroffenen aufnimmt, falls diese über keinen gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland verfügen.

In Deutschland geborenen oder aufgewachsenen Kindern droht somit die Abschiebung in ein für sie völlig fremdes Land, wenn vermutet und glaubhaft gemacht wird, dass ihre Einreise nach Deutschland über den Kosovo erfolgt ist. Gemäß Paragraph 25a des Aufenthaltsgesetzes entscheiden unter anderem die schulischen Leistungen der Kinder über das Bleiberecht der ganzen Familie.

Gegen diese Regelung und für ein dauerhaftes Bleiberecht für Roma-Familien setzt sich nun die Initiative »PädagogInnen gegen Abschiebung« ein. Im Aufruf der Initiative wird beklagt, die Regelung bürde »den betroffenen Lehrerinnen und Lehrern eine Verantwortung auf, der sie nicht gerecht werden können. Sie sind gezwungen, mit der Notenvergabe gleichzeitig über das Schicksal ganzer Familien zu entscheiden. Lehrer/innen bringt dies in eine problematische Machtposition. Für die betroffenen Kinder ist es eine gravierende psychische Überforderung. Der menschenrechtlich gebotene Schutz von Kindern und Jugendlichen kann nicht von der vermeintlichen oder tatsächlichen ›Leistungsfähigkeit‹ der Betroffenen abhängig gemacht werden. Kinder brauchen – unabhängig von ihrem Bildungsabschluss – Schutz vor Verfolgung und Diskriminierung.«

»Das Signal an die Kinder und Jugendlichen ist fatal: Ihr seid willkommen, wenn ihr funktioniert. Wenn nicht, schieben wir euch ab. Gut ist, was ›uns‹ nützt«, sagt Andreas Foitzik, der dem Unterstützerkreis der Familie Avdijaj angehört und auch aufgrund dieser Erfahrungen die Initiative der Pädagoginnen und Pädagogen ins Leben gerufen hat.

Die Politik scheint der Protest aus Lehrerkreisen derweil kaum zu beeindrucken. Seit mehreren Monaten sind die Abschiebungen in den Kosovo zwar ausgesetzt, dennoch unternimmt die grün-rote Regierung Baden-Württembergs nichts, um den betroffenen Familien ein dauerhaftes Bleiberecht zu garantieren. Sie verweilen in ständiger Ungewissheit, da die Landesregierung jederzeit entscheiden könnte, die Abschiebungen wieder aufzunehmen.

Da hilft es wenig, wenn selbst Vertreter der Grünen und der SPD immer wieder betonen, dass trotz »wirtschaftlicher Benachteiligung« der Betroffenen prinzipiell kein asylrechtliches Abschiebehindernis in den Kosovo bestehe.

»Für die langzeitgeduldeten Kinder und Jugendlichen, sowie deren Familien, ist die Situation im Herkunftsland sicher nicht unbedeutend. Im Kern geht es aber um etwas völlig anderes: Sie sind längst Teil dieser Gesellschaft! Dieser Punkt spielt bei der Diskussion in Baden-Württemberg keine Rolle«, ärgert sich Foitzik.

Familie Avdijaj ist hierfür ein Paradebeispiel. Beide Eltern hatten zum Zeitpunkt der Ausweisung einen Arbeitsplatz, Elvira war gerade Schülersprecherin geworden und auch ihre beiden Brüder hatten in Gomaringen einen intakten Freundeskreis und waren als offene und humorvolle Jugendliche bekannt. Durch die Ausweisung wurden die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen. Die Familie, die eigentlich ein Beispiel für »gelungene Integration« hätte sein können, wurde auf diese Weise einer ungewissen Zukunft überlassen.

Letztendlich hatten die Avdijais Glück im Unglück – dank ihrer engagierten Untertützerinnen und Unterstützer, ihres hohen Bildungsgrads und ihrer Anpassungsfähigkeit haben sie Wege gefunden, sich mit der Lage im Kosovo zu arrangieren und sogar zwei ihrer Kinder – vorerst – wieder nach Deutschland zurückzubringen. Ohne die monatlichen Überweisungen aus Deutschland hätten die Kinder im Kosovo nicht zur Schule gehen können. Ihre Eltern haben trotz hoher Qualifikation nach wie vor keine Arbeit gefunden. Im Kosovo ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch und aufgrund der anhaltenden Diskriminierung von Roma und Ashkali haben Angehörige dieser Minderheiten de facto kaum Chancen, einen Job zu finden.

Viele der aus Deutschland abgeschobenen Roma müssen im Kosovo unter widrigsten Bedingungen leben. In den Fluren der Unterkunft für Minderheiten in Obiliq, nahe der Hauptstadt Prishtina, stinkt es nach Urin und Essensresten. Auf der Straße sammelt sich Müll, Kinder suchen darin nach Plastikflaschen und anderen brauchbaren Gegenständen; Strom hat hier kaum jemand, fließend Wasser fehlt komplett. Achtköpfige Familien, die sich ein kleines Zimmer teilen müssen, sind keine Seltenheit.

Drei Viertel der Kinder, die in Deutschland zur Schule gegangen sind, haben laut einer Studie der Unicef nach ihrer Ausweisung in den Kosovo keinen Zugang mehr zu Bildung. Viele sprechen kein Albanisch, nicht wenige von ihnen sind in Deutschland geboren und waren bis zu ihrer Abschiebung noch nie im Kosovo. Hinzu kommt, dass sie als Angehörige von Minderheiten oft in der Schule diskriminiert werden, was dazu führt, dass sich viele Kinder in die Familien zurückziehen und das Haus kaum mehr verlassen.

Auch in diesem Punkt hatten die Avdijajs Glück: »In der Region um Peja, wo wir wohnen, ist das mit der Diskriminierung nicht so schlimm wie anderswo«, erzählt Edvin. In Mitrovica und Prizren etwa sehe es ganz anders aus. Doch auch Edvin musste Erfahrungen mit Diskriminierung machen. »Einer unserer Professoren an der Uni hat in fast jeder Vorlesung Witze über Roma gemacht«, erzählt seine Schwester Elvira. »Man traut sich dann nicht so richtig, etwas zu sagen, weil man Angst hat, eine schlechte Note zu bekommen, und ich wollte ja nach Deutschland«, ergänzt Edvin. »Sowieso gibt es hier genug Professoren, die die Studenten schlechter benoten, nur weil sie Roma sind.«

Geschafft hat er es dennoch. Edvin ist genau wie seine Schwester Elvira zurück in Deutschland und ihr Bruder Elvir ist auf dem besten Weg, es ihnen gleichzutun. Die Eltern haben sich derweil, trotz aller Widrigkeiten, im Kosovo eingelebt. Sie sind froh, dass wenigstens ihre Kinder wieder in dem Land leben dürfen, in dem sie leben möchten. Andere haben dieses Glück nicht.